Christian Griesbeck

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Start Reenactment Darstellung Fächersprache

Das Geheimnis der geheimen Fächersprache

Auf manchen Veranstaltungen oder bei manchen Vorführungen wird in die uralte „Fächersprache“ eingeführt. Hier verrate ich nun ihr dunkles Geheimnis: es gab sie leider nicht! Jedenfalls nicht im Barock und Rokoko. Die „Fächersprache“, wie sie heute gerne tradiert wird, ist eine geschickte Marketing-Erfindung des bekannten Fächerherstellers Duvelleroy aus der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts.

Jean-Pierre Duvelleroy war ein französische Fächerfabrikant, der seit 1827 in Paris ein recht erfolgreiches Geschäft hatte. Er eröffnete in den 1850er Jahren eine Filiale in London, die er seinem unehelichen Sohn Jules überließ. Um den Verkauf dort anzukurbeln, fügte dieser den Fächern kleine Zettel „Fan Flirtation“ mit der „geheimen Fächersprache“ bei. Inspiriert wurde dieser wohl von Fenella, einem Spanier der kurz zuvor schon eine „Fächersprache“ verbreitete. Aber wirklich breit benutzt wurde diese Sprache wohl auch Ende des 19ten Jahrhunderts nicht.

Gerne wird auch im Zusammenhang mit der „Fächersprache“ ein Text aus dem Jahre 1777 über eine „Académie de l'Eventail“ erwähnt. Liest man den Text, wird man schnell feststellen – das ist eine Satire. Es geht darin um eine Akademie, in der die Damen gedrillt werden ihren Fächer zu führen, wie die Herren ihren Säbel. Ein weiterer gerne angeführter Text „Le Livre de quatre couleurs“ von 1757 beschreibt immerhin die Deutung von Körpersprache, die mit dem Fächer akzentuiert wird. Ein anderer Text, aus einem Herrenmagazin aus dem Jahre 1740, soll eine Art Buchstabencode der Damen mit dem Fächer beschreiben. Nachrichten werden hier Buchstabe für Buchstabe übermittelt – eine etwas mühselige Art der Kommunikation.

Grundsätzlich ist der Fächer sicherlich als schauspielerisches Ausdrucksmittel eingesetzt worden. Ein erregtes Flattern, ein wütendes Schließen, den Fächer versehentlich fallen lassen – es gibt verschiedene Wege, um mit diesem Accessoire Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber eine kodifizierte Sprache im 17ten und 18ten Jahrhundert, wie uns die „geheime Fächersprache“ weismachen will, gab es mit Sicherheit nicht. Dazu fehlt jede Quelle vor Duvelleroys Werbegag – und es wurde früher sehr viel geschrieben. Wie kommt es, dass eine allgemein bekannte Geheimsprache (was schon ein Widerspruch in sich ist) nirgendwo erwähnt wird? Noch nicht einmal bei Casanova, der mit der „Fächersprache“ sicherlich die eine oder andere Verabredung getroffen hätte, wenn es sie denn gegeben hätte. Sollte jemand etwas belegbares finden, bin ich natürlich für jede Information dankbar.

Besonders schlimm finde ich in dem Zusammenhang, dass inzwischen selbst Museen auf diesen Zug aufgesprungen sind. Sogenannte Museumspädagogen bieten Familienführungen oder Ähnliches, bei denen die jungen Damen in ihren Faschingsprinzessinnenkostümen in die vermeintliche „Fächersprache“ eingeführt werden. Als Quelle wird dann undatiert Duvelleroys „Le Langage de l’Eventail“ angegeben, falls überhaupt – etwas Recherche könnte vermeiden, Unsinn zu vermitteln.

Klar, wenn man möchte, kann man die Fächersprache verwenden, wenn man Reenactment des späten 19ten Jahrhunderts macht. In Barock und Rokoko ist sie in Duvelleroys Form fehl am Platz.